"Das Kind muss an die frische Luft"

Jochem Schirp, Geschäftsführer i.R. bsj Marburg

12. Januar 2021

Unter diesem den Titel des bekannten Films von Hape Kerkeling leicht verändernden Slogan konnte Nadine Bernshausen gemeinsam mit der Landtagsabgeordneten Kathrin Anders (Bündnis 90/Die Grünen) eine Landesinitiative zur frühen Bildung in der Natur auf den Weg bringen.

Aktivitäten in der Natur unterstützen das gesunde Aufwachsen von Kindern. Sie bieten ganz nebenbei auch viele Chancen, in spielerischer Weise Bildungsprozesse bei den „ganz Kleinen“ bereits im Kindergartenalter zu fördern. Denn „draußen“ können Kinder nicht nur ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachkommen, sondern sich dabei auch die Welt erschließen. Gerade in dieser Altersphase spielt die Körperlichkeit, die Leib-Sinnlichkeit eine ganz besondere Rolle, und dies bedeutet zwingend, dass Bildung zunächst etwas anderes ist, als möglichst früh abstraktes Wissen anzuhäufen. Sich Bilden heißt für Kinder, sich mutig auszuprobieren, sich zu bewegen, sich von Neugier und Phantasie leiten zu lassen, Neues zu entdecken. Dass bei Naturaktivitäten gleichzeitig by the way auch zahllose Gelegenheiten entstehen, um Erfahrungen von Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit zu erzeugen, um grundlegende naturkundliche und mathematische Zugänge zu fördern und um die individuelle Sprachentwicklung anzuregen, das ist im wissenschaftlichen Diskurs eigentlich unstrittig.


Viele Eltern teilen inzwischen diese Überlegungen. Das zeigt allein schon der Boom der Waldkindergärten, auch in der Stadt Marburg. Es hat allerdings den Anschein, dass die förderlichen Bedingungen, die Naturaufenthalte eröffnen, nicht von allen Familien gleichermaßen genutzt werden können. Bildungsungerechtigkeiten reproduzieren sich auch hier. In manchen Familien verfestigen sich kindliche Lebenswelten, die wenig Bewegungs- und Naturerfahrungen und viel unkontrollierten Medienkonsum nach sich ziehen. Kinderärzte warnen und stellen den Zusammenhang zu wachsenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen heraus.  


Hieran knüpft die Landesinitiative mit dem Arbeitstitel „Das Kind muss an die frische Luft“ an, die den naturbezogenen Ansatz zur Förderung von Kindern aus allen sozialen Milieus verbreiten will. Im Landeshaushalt sind dafür jährlich 145.000,00 EURO vorgesehen, um eine Vielzahl an praktischen Aktivitäten in Regelkindergärten durchzuführen, ebenso wie Fortbildungs- und Beratungsangebote für die Erzieherinnen und Erzieher.
Die aktuellen Erfahrungen während der Corona-Pandemie machen noch einmal wie mit einem Brennglass darauf aufmerksam, was (kleine) Kinder für ein in jederlei Hinsicht gesundes Aufwachsen benötigen, was ihnen z.Z. vorenthalten bleibt. Umso nötiger zukünftig die Landesinitiative, von der Nadine Bernshausen erwartet, dass Marburg in besonderer Weise von ihr profitieren wird. Vielleicht auch, weil diese – wenn alles läuft wie geplant – von einer Marburger Bildungseinrichtung umgesetzt werden kann.