Kinder und Jugendliche und die Corona-Pandemie – Ein Zwischenruf

Jochem Schirp, Geschäftsführer i.R. bsj Marburg

1. Februar 2021

„Der Faktor Zeit spielt in jungen Lebensphasen eine zentrale Rolle. Ein Jahr im Alltag von jungen Menschen hat eine andere soziale, qualifikatorische, körperliche und persönliche Entwicklungsdynamik als im Erwachsenenalter. Die Folgen  der Einschränkungen in der Kindheit und Jugend schreiben sich in den biographischen Verlauf nachhaltig ein. Deswegen gilt es die Folgen abzufedern und auszugleichen.“ (Andresen 2020, 1)

 

In der inzwischen unüberschaubaren Menge an Diskussionsbeiträgen und Veröffentlichungen zur Corona-Pandemie sind die vielen Probleme, die sich für die Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen aus den Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsraten ergeben, nur selten und randständig thematisiert worden. Wenn es um die Heranwachsenden ging, dann zunächst primär, um ihre altersspezifische Infektiosität auszuleuchten und daran Überlegungen zur Öffnung bzw. (Teil-)Schließung von Kitas und Schulen anzuschließen. In den Medien dominieren Berichte über die besonderen Belastungen, denen sich die Familien insgesamt vor dem Hintergrund von Homeoffice und Homeschooling ausgesetzt sehen. Aber wie tief die beschlossenen Regelungen in die Lebenswelten von Kindern eingreifen und welche gravierenden Folgewirkungen sie für eine gesunde körperliche, psychische und soziale Entwicklung haben können, darauf wurde und wird nur in vereinzelten Stellungnahmen vor allem aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedizin und von Fachverbänden der Kinder und Jugendhilfe aufmerksam gemacht (vgl. dazu die entsprechenden Stellungnahmen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V. oder des Deutschen Kinderhilfswerkes, zuletzt die JuCo – Jugend und Corona – und KiCo – Kinder und Corona – Studien von Andresen et al.). Eine große öffentliche Aufmerksamkeit konnten diese und ähnliche Beiträge, die bedauerlicherweise wohl vorrangig nur in den entsprechenden Fachszenen rezipiert wurden und summa summarum kaum Einfluss auf die politischen Entscheidungen der jüngeren Vergangenheit nehmen konnten, jedoch nicht erreichen.

 

Schule auf Distanz: noch mehr Bildungsungleichheit

Völlig anders sieht dies bei einer Fragestellung aus, die einen Teilaspekt des gesamten Belastungsgefüges von Kindern und Jugendlichen thematisiert: nämlich welche Bedeutung die Pandemie und ihre Auswirkungen für die schulische Entwicklung haben. Dieser Aspekt hat die politische und mediale Öffentlichkeit sehr beschäftigt, immer wieder auch angefeuert durch bildungsökonomische Kassandra-Rufe sowie Erkenntnisse der empirischen Bildungsforschung, die nachdrücklich auf besondere soziale Dimensionen aufmerksam machen, wenn Schule z.B. auf digitale Formate umstellt oder über einen langen Zeitraum ausfällt. Dabei wird u.a. auf Studien aus den USA hingewiesen, in denen die Auswirkungen der dreimonatigen Sommerferien auf die Leistungen der Schüler untersucht wurden. Wenngleich in dieser langen Zeitspanne offensichtlich generell einiges an vorher gelerntem Wissen verloren ging, waren die Verluste doch bei Kindern aus sozial weniger privilegierten Elternhäusern besonders ausgeprägt. Hier spricht man vom „summer learning loss“ bzw. „summer learning gap“. Bei den sogenannten bildungsnahen Familien wachsen gemäß amerikanischen Studien in den Ferien sogar die Lernkurven in den Bereichen Sprachentwicklung und Lesekompetenz (Dumont und Stanat, FAZ vom 30.April 2020). Angesichts der vorhandenen Vielzahl an Studien und lebenspraktischer Plausibilitäten ist es eigentlich fast schon einigermaßen trivial zu konstatieren, dass das familiäre Umfeld in erheblicher Weise zu einem produktiven Bildungsmilieu beitragen kann (oder auch nicht), und die gegenwärtige Situation deshalb für Kinder z.B. aus Armutsbedingungen in besonderer Weise belastend ist. Der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz hat in diesem Zusammenhang auf den von der amerikanischen Sozialwissenschaftlerin Annette Lareau geprägten Begriff der „concerted cultivation“ zurückgegriffen. Damit ist gemeint, dass sich die Bildungsstrategien der Eltern der neuen Mittelklasse, die eine umfassende familiäre Förderung ihrer Kinder in den Bereichen Musik, Sport, Reisen, Sprachen, Natur o.ä. nach sich ziehen, komplementär zu den institutionellen Bildungsaktivitäten verhalten und sich an deren schulische Logik anschmiegen. Kinder aus „Problemvierteln“ und in „Problemschulen“ hingegen können auf diese familiären Bildungsressourcen nicht zurückgreifen (Reckwitz 2018, 329 f.).

 

Digitale Scheinlösungen

Die besondere schulbezogene Belastung dieser Gruppe von Kindern aus „bildungsbenachteiligten“ Haushalten durch die Pandemie hat in den vergangenen Monaten insofern eine überraschend große Einigkeit quer durch alle politischen Lager erzeugt, dass es angesichts des Homeschooling geboten sei, den herkunftsbedingten Ungleichheiten im Bildungswesen durch eine Ausstattung sozial schwacher Familien mit der entsprechenden technischen Infrastruktur zu begegnen, um so ihre digitale Teilhabe zu sichern. Denn Homeschooling setzt einen leistungsfähigen PC, stabiles Internet und einen Drucker voraus, was die Regelbedarfe bei Hartz IV aber nicht vorsehen. Noch heute vertreten die Landessozialgerichte unterschiedliche Auffassungen, ob es einen „pandemiebedingten Mehrbedarf“ gibt oder der Schulträger, wenn er auf Digitalunterricht umstellt, eine kostenfreie Leihmöglichkeit für die notwendige Technik sicherstellen muss (FAZ vom 20.01.21). Natürlich ist die Forderung nach einer gleich verteilten digitalen Medienausstattung für alle Familien unter dem gerechtigkeitstheoretischen Gesichtspunkt sozialer Teilhabe völlig richtig, ganz unabhängig davon, ob Homeschooling sich überhaupt als eine sinnvolle Lösung erweist. Erste empirische Untersuchungen sind diesbezüglich nicht gerade ermutigend. Denn  insbesondere für die Gruppe der „lernschwachen“ Schülerinnen und Schüler weisen diese auf die besondere Wichtigkeit des Präsenzunterrichts (vgl. Tagesspiegel vom 16.11.2020) ebenso wie auf zahlreiche milieubedingte Handicaps vieler Eltern hin, um das Online-Lernen ihrer Kinder überhaupt förderlich begleiten zu können.

Wenn sich aber das Problem der Bildungsbenachteiligung so komplex darstellt – wie hier nur angedeutet werden konnte –, dann ist es zwangsläufig einfach unzureichend und kurzsichtig, den Beitrag der öffentlichen Hand für eine altersgemäße Entwicklung und Bildung während der Pandemie im Wesentlichen auf eine mit sozialen Argumenten unterfütterte digitale Infrastrukturpolitik zu reduzieren. Die Frage, wie und unter welchen Bedingungen Kinder lernen und sich bilden und insbesondere, wie dies je nach sozialer Lage unterschiedlich gerahmt ist, steht dabei nämlich nicht im Mittelpunkt.

 

 

Engführungen der Diskussion aufbrechen

Dabei bedarf es z.Z. keines großen analytischen Scharfsinns, um zu sehen, wie sich vor allem in entsprechenden städtischen bzw. großstädtischen Quartieren bildungsbezogene Ungleichheiten bei Kindern vor dem Hintergrund begrenzten Wohnraums, begrenzten Zugangs zu Spiel-, Bewegungs- und Naturräumen, begrenzter familiärer Unterstützungsstrukturen, rudimentärer Essensversorgung und vieler anderer Faktoren reproduzieren. Die Kindheits- und Armutsforschung hat schon lange auf die risikofördernden Faktoren hingewiesen, die sich aus den Lebenslagen und mangelhaften Ressourcen sozial benachteiligter Familien  für kindliche Lebenswelten ergeben (s. dazu aktuell auch Holz und Richter-Kornweitz 2020).

Die gegenwärtige Krise, dies ist zu befürchten, wirkt als Verstärker wahrscheinlich auch im Hinblick auf die destruktiven Effekte und Folgewirkungen, die aus einem Übermaß an unkontrolliertem Medienkonsum erwachsen. Daten, die nicht anders gelesen werden können, als dass Heranwachsende noch mehr als zuvor an den Endgeräten abhängen, liegen mit der vor wenigen Wochen veröffentlichten JIM-Studie 2020 bereits vor. Jährlich bildet diese Studie das Medienverhalten von Jugendlichen in Deutschland ab. So stieg die tägliche Internetnutzungsdauer der 12-19jährigen von ohnehin schon hohen 205 Minuten täglich auf 258 Minuten deutlich. Hinzu kam noch einmal eine durchschnittliche werktägliche Fernsehdauer von mehr als 2 Stunden. Mehr als 6 Stunden also tägliche individuelle Mediennutzung, im Durchschnitt!

Dies ist ein beachtlicher Wert, der gleichzeitig auf ein extremes Missverhältnis hinweist. Bedenkt man, dass „die Körperlichkeit des Kindes (und grundsätzlich – wenn auch in abgeschwächter Form – des/der Jugendlichen, J.S.) … das Zentrum seiner Persönlichkeit und Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz“ (Fischer 2010, 118) darstellt und die unterschiedlichen sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklungsbereiche darauf aufbauen, dann ist es sicherlich evident, was Kindern und Jugendlichen gegenwärtig elementar fehlt und worüber generell aber spätestens bei möglichst bald wieder anstehenden „Lockerungsüberlegungen“ dringend nachgedacht werden muss: Was elementar fehlt, ist primär der unmittelbare  „physische“, leib-sinnliche Kontakt zu Gleichaltrigen und zur realen Welt insgesamt. Und es ist geradezu aberwitzig, dass diese anthropologische Grunderkenntnis immer wieder in die Diskussion eingeführt werden und gegen das Mantra der Digitalisierungsbetreiber verteidigt werden muss, von denen nicht wenige aus Wirtschaft und Politik inzwischen schon eine stärkere Versorgung von Kitas und Grundschulen mit Computerspielen fordern. Wie sagte der Münchner Humorist und Sprachkünstler Karl Valentin vor langer Zeit so zutreffend: „Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht.“

Wie es gelingen kann, kinder- und jugendgerechte (Bildungs-)Aktivitäten draußen, im Außengelände von Einrichtungen und in der Natur bei angemessener Berücksichtigung von Hygiene- und Abstandsregelungen umzusetzen, dazu könnte die Kinder- und Jugendhilfe aktuell einen Beitrag leisten, ja: sie müsste – neben sicherlich für die Zeit der Pandemie unvermeidbaren digitalen Instrumenten – um jeden unmittelbaren Kontakt zu Kindern und Jugendlichen ringen, jeden Tag vor Ort, was sich im Übrigen auch völlig im Rahmen der gegenwärtig in Hessen gültigen Fassung der Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung vom 11.Januar 2021 bewegt. Programmatisch zugespitzt müsste die Frage also lauten, wie es gelingen kann, möglichst viele analoge Erfahrungsräume für Kinder und Jugendliche während der anhaltenden Krise aufrechtzuerhalten und nicht, wie möglichst schnell auf vorrangig digitale Formate umgestellt werden kann.

Und es gibt eine Vielzahl offener Kinder- bzw. Jugendeinrichtungen, die dazu ein umfangreiches Knowhow vorhalten und insbesondere sozial benachteiligte Heranwachsende im Rahmen begleiteter pädagogischer Aktivitäten in kleinen Gruppen dabei unterstützen können, sich zu bewegen, die eigene Phantasie in der gegenständlichen Welt auszuleben, sich mutig auszuprobieren, Neues zu entdecken: also sich zu bilden – in der gemeinsamen Interaktion mit Gleichaltrigen. Will man das Prinzip des Schutzes besonders vulnerabler Gruppen, das bei der Bewältigung der Epidemie allen Bekundungen nach im Vordergrund steht und ganz sicher auch in nachpandemischer Zeit im Fokus bleiben muss, auf den gesamten Bildungsbereich ausdehnen, dann sollte man zwangsläufig die bisherige Engführung der Diskussionen auf Homeschooling, Digitalisierung und das Schulsystem überwinden. Dann müsste aus der Kinder- und Jugendhilfe heraus gemeinsam mit einer verantwortlichen kommunalen Politik eine Agenda entwickelt werden, die darauf abzielt, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien über einen „Nachteilsausgleich“ eine ihren Lebenslagen entsprechende, differenzierte Förderung erhalten, damit auch über die Krise hinaus ihre Folgen sozial einigermaßen ausgeglichen werden können (vgl. Andresen et al. 2020, 4).

 

Literatur

Susanne Andresen et al.: Nachteile von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgleichen. Politische Überlegungen im Anschluss an die Studien JuCo und KiCo, Hildesheim 2020

Hanna Dumont und Petra Stanat: Wachsende Ungleichheit. Ob Schüler zu Hause neues Wissen erwerben und ob sie über oder wiederholen, liegt nicht nur an ihnen sondern auch an den Eltern, in: FAZ vom 30.April 2020, 7

Klaus Fischer: Die Bedeutung der Bewegung für die Bildung und Entwicklung im (frühen) Kindesalter. In: Schäfer, G.E./ Staege, R./ Meiners, K. (Hrsg.): Kinderwelten - Bildungswelten. Unterwegs zur Frühpädagogik. Berlin, 118

Gerda Holz und Antje Richter-Kornweitz: Corona-Chronik. Gruppenbild ohne (arme) Kinder. Eine Streitschrift, Frankfurt Oktober 2020; https://www.iss-ffm.de/fileadmin/assets/themenbereiche/downloads/Corona-Chronik_Streitschrift_final.pdf)

Andreas Reckwitz: Gesellschaft der Singularitäten, Frankfurt 2018

 

Zugriff auf

Tagesspiegel vom 16.11.2020; https://www.tagesspiegel.de/wissen/homeschooling-in-der-coronakrise-hohe-lernverluste-durch-schulschliessungen/26628096.html

FAZ vom 20.01.2021; https://www.faz.net/einspruch/justiz/landessozialgericht-thueringen-schulcomputer-vom-jobcenter-17154889.html